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In die traditionsreiche Villa Horion kamen auf Einladung des Landesfrauenrates Vertreterinnen von Verbänden, Landtagsabgeordnete, Gleichstellungsbeauftragte und interessierte Bürgerinnen und Bürger, um sich mit einem Thema zu befassen,das alle bedrängt: Zeit.  Es geht nicht nur um die Menge der Zeit,die zur Verfügung steht, sondern auch um die Qualität, erklärte Professor Petia Genkova und fragte: Bin ich glücklich bei dem was ich tue?

Zeit fehlt immer, so stellte das Podium fest - Zeit für die Familie, Zeit für die Pflege, Zeit für das Ehrenamt. Oft sind Frauen überlastet, vielleicht weil sie sich zu viele Aufgaben aufbürden lassen? Letztlich hängt die Zeitfrage mit der Rollenverteilung in unserer Gesellschaft zusammen. Viele konkrete Probleme wurden lebhaft an den Stehtischen diskutiert. Über eines war man sich einig: Wir brauchen politische Lösungen, und deshalb steht eine weitere Zusammenarbeit mit dem Frauenausschuss des Landtages auf der Tagesordnung.

 

Begrüßung der Vorsitzenden bei der Fachtagung „Zeit“ am 23. 9. 2015 in Düsseldorf

Sehr geehrte Damen und Herren,

zur Fachtagung „Zeit“ des Landesfrauenrates NRW begrüße ich Sie im Namen des Vorstands sehr herzlich. Sie, liebe Gäste, sind als Vertreterinnen und Vertreter von Verbänden, als Landtagsabgeordnete, Gleichstellungsbeauftragte oder als Privatperson zu uns gekommen. Damit repräsentieren Sie nicht nur die regionale Vielfalt unseres Landes, sondern auch die Vielfalt unterschiedlicher gesellschaftlicher Positionen und Sichtweisen. Das entspricht der Absicht unserer heutigen Veranstaltung, denn die Zeitperspektive stellt sich in unterschiedlichen Lebenssituationen unterschiedlich dar.

Gerne hätte ich Frau Ministerialdirigentin Zimmermann-Schwarz als Abteilungsleiterin das Ministerium für Gesundheit, Emanzipation, Pflege und Alter des Landes NRW begrüßt. Sie ist leider wegen eines schweren Krankheitsfalles in der Familie verhindert. Wir bedauern das sehr und wünschen Ihr von hier aus alles Gute. Die heutige Tagung wurde mit Projektmitteln des Ministeriums gefördert. Dafür, aber auch für die kontinuierliche inhaltliche Zusammenarbeit möchte ich mich an dieser Stelle bedanken.

Seit 2010 hat der FrauenRat NRW e. V. seine Geschäftsstelle in Düsseldorf. Wir freuen uns daher besonders, Frau Zepuntke als Bürgermeisterin der Stadt Düsseldorf begrüßen zu können. Ihre Anwesenheit, sehr geehrte Frau Zepuntke, zeigt uns, dass wir in der Landeshauptstadt angekommen sind, und ich hoffe, dass Sie unsere Themen in die Stadt Düsseldorf einbringen können.

Mit Spannung erwarten wir Ihr Referat, sehr geehrte Frau Professor Genkova. Sie lehren an der Universität Osnabrück Psychologie mit dem Schwerpunkt interkulturelle Kompetenz und haben besonders im Bereich Work-Life-Balance veröffentlicht.

Inhalte müssen diskutiert und auf die unterschiedlichen Lebenswelten heruntergebrochen werden. Wir freuen uns, dass Frau Dr. von Bönninghausen unser Podium moderiert. Viele von Ihnen kennen Frau Dr. von Bönninghausen als Journalistin und als ehemalige Präsidentin des Deutschen Frauenrates.

Jede Unternehmung hat einen Vorlauf, und so entstand der Gedanke für diese Tagung im letzten Jahr bei einem Austausch des Vorstands mit dem Frauenausschuss des Landtages. Im Gespräch wurde deutlich, dass es bei Themen wie Berufswahl, Pflege, Vereinbarkeit von Familie und Beruf und Ehrenamt immer um Zeit geht – Zeit, die man hat oder nicht hat, Zeitfenster, die man beachten muss. So lag es nahe, einen Perspektivwechsel vorzunehmen und einmal alles von der Zeit her zu betrachten.

Das führt zu der Frage: Was ist Zeit? Wir wissen nicht, ob die Zeit einen Anfang und ein Ende hat. Für die Physik ist Zeit nur dann existente, wenn etwas in ihr geschieht. Und die spezielle Relativitätstheorie lehrt uns, dass es die Zeit gar nicht gibt. Jedes System hat seine eigene Zeit, und Gleichzeitigkeit gibt es nur innerhalb eines Systems. Alles im Leben hat seine Zeit, sagt die Bibel, und das wird auch heute noch gern zitiert. Aber wann ist die richtige Zeit, etwas zu tun?

Fast könnte einem schwindeln, wenn man bedenkt, wie unergründlich Zeit ist, obwohl wir doch alle mit ihr leben. Aber lassen wir Philosophie und Physik beiseite und konzentrieren uns auf das, was sie für unser Leben bedeutet.

Zeit ist Leben, so könnte man es auf einen einfachen Nenner bringen. Damit reden wir, wenn wir über Zeit sprechen über etwas Existenzielles, über eine Größe die uns unmittelbar angeht.

Denn Zeit ist die Achse, auf der unsere Biographie sich vollzieht. Die Lebenszeit, von der wir nicht wissen, wie viel uns davon zugemessen ist, ist etwas unendlich Kostbares. Sie will klug genutzt werden, aber klug ist man bekanntlich immer erst hinterher. Die Menschheit hat in den letzten hundert Jahren Lebenszeit dazu gewonnen, und die Lebensläufe der Menschen sind flexibler geworden.

Stellen Sie sich ein Frauenleben um 1850 vor. Nachdem ein Mädchen erwachsen geworden war, blieb es im Haushalt der Eltern bis es einen Ehepartner fand. Das durfte nicht zu spät sein, das Alter von 25 war da schon eine Grenze. Dann bekamen die Frauen Kinder, viele Mütter starben im Kindbett in einem Alter von nicht einmal 30 Jahren. Welche Möglichkeit hätten diese Frauen gehabt, über ihre unmittelbare Betätigung in der Familie hinaus die Welt zu sehen, zu lernen oder sich selbst fortzubilden? Das ist heute ganz anders. Wenn wir auch im individuellen Leben nicht wissen, wie lang unser Leben dauert, so können wir doch im Kollektiv mit einer Lebenszeit von 80 Jahren rechnen. Allgemein kann man feststellen, dass gerade Frauen von der Zunahme der Lebenserwartung erheblich profitieren.

Allerdings sind unsere Ansprüche an die Nutzung von Zeit ganz andere als die einer Frau in der Vergangenheit. Frauen wollen heute beides, Familie und Beruf und darüber hinaus auch persönliche Freiräume. Rein rechnerisch müsste dieses auch zu schaffen sein, wenn man die verschiedenen Bereiche wie Bausteine hintereinander setzen könnte. Aber beides, Familie und Beruf haben ihre eigene Dynamik. In der Karriere will und muss man am Ball bleiben, und noch immer ist ein wichtiger Parameter des Erfolgs im Beruf die Präsenz. Aber auch in der Familie ist Präsenz wichtig, und in der Familienplanung schließt sich für die Frau das Zeitfenster mit Vierzig, wenn wir von natürlichen Methoden ausgehen.

Nicht nur in der Perspektive des Lebenslaufes spielt Zeit eine Rolle, sie ist auch das Strukturmerkmal unseres Alltags. Die Fahrpläne der Verkehrsmittel, Öffnungszeiten von Betreuungseinrichtungen und Läden, die tägliche Arbeitszeit, die Zeit, die den Pflegediensten für die einzelnen Verrichtungen zugestanden wird, sie alle binden uns in ein enges Zeitgeflecht ein. Dieses Zeitgeflecht ist ein Maß für die gesellschaftliche Verflechtung aller Vorgänge. In einer hoch organisierten Gesellschaft ist jede eigene Tätigkeit zugleich auf andere bezogen. Die Unpünktlichkeit des einen ist der Zeitverlust des anderen.

Hier wird deutlich, dass Zeit kein abstrakter Begriff ist, sondern dass sie im gesellschaftlichen Leben wie eine Münze ständig im Umlauf und Austausch ist. Über Zeit kann man Buch führen wie über Geld. Die aktuelle Zeitverwendungsstudie des statistischen Bundesamtes zeigt, wie viel Zeit einzelne soziale Gruppen auf bestimmte Tätigkeiten verwenden. Man kann darin ablesen, wie lange wir täglich fernsehen, wieviel Zeit wir für unsere Kinder haben, wieviel Stunden die Frau oder der Mann mit Hausarbeit verbringen.

So wie eine sorgfältige Buchführung hilft, mit Geld umzugehen, so kann auch die Quantifizierung der Zeit die Augen über unsere Gesellschaft öffnen. Das Individuum hat nur begrenzte Möglichkeiten der eigenen Gestaltung. Die Zeit gehört auch der Gesellschaft. Sie teilt die Zeit zu, sie setzt Fristen, sie gewährt Freiräume. Gehen wir als Gesellschaft mit der Zeit richtig um oder müssen wir etwas ändern? Das ist eine Frage, die die Zeitpolitik stellt und die auch uns heute beschäftigt.

Wir als Landesfrauenrat haben keine fertigen Lösungen, die wir anbieten können. Wir hoffen aber, dass wir durch einen spannenden Vortrag und eine lebhafte Diskussion auf neue Gedanken kommen. Ich freue mich, dass Sie sich dafür Zeit genommen haben.

 

Nächste Termine

06.10.18 Veranstaltung 100 Jahre Frauenwahlrecht

09.10.18 Vorstandssitzung

13.11.18 Vorstandssitzung

04.12.18 Vorstandssitzung

Letzte Pressemitteilung

FrauenRat NRW fordert die Impfakzeptanz zu verbessern - Impfraten landesweit erhöhen

Impfen schützt vor Infektionskrankheiten und ihren vermeidbaren Folgen, zu denen in jedem Fall Krankheitstage zählen. Diese sind eine Belastung für die erkrankten Menschen selbst und ihre Familien. Darüber hinaus führen Krankheitstage zu Ausfällen bei der Arbeit und vergrößern den Betreuungsbedarf. Infektionskrankheiten können aber auch schwere Komplikationen nach sich ziehen, bis zu Behinderung und Tod. In einem modernen und leistungsfähigen Gesundheitssystem sollte jeder Mensch vom Säuglingsalter bis ins hohe Alter den bestmöglichen Impfschutz haben.

Impfungen dienen in erster Linie dem individuellen Schutz. Dieser wird nur erreicht, wenn alle Impftermine laut Impfkalender der STIKO wahrgenommen und auch im Erwachsenenleben Impfungen aufgefrischt werden. Die Zahlen des Robert-Koch-Institutes zeigen, dass oft die erste Impfdosis noch verabreicht wird, aber Folgetermine nicht mehr wahrgenommen werden. Auffrischimpfungen im Erwachsenenalter finden nicht flächendeckend statt.

Impfungen haben aber auch eine sozialmedizinische Dimension, indem sie Menschen schützen, die aus medizinischen Gründen nicht geimpft werden können. Dieser Effekt, die sogenannte Herdenimmunität, tritt aber erst ein, wenn 95 Prozent einer Population gegen eine Krankheit geimpft ist. Durch flächendeckende Impfungen ist es der WHO gelungen, die Pocken weltweit auszurotten. Das Ziel der WHO, die Masern weltweit zu eliminieren wird u. a. deshalb nicht erreicht, weil in Deutschland die Impfquoten zu niedrig sind.

Der FrauenRat NRW e.V. begrüßt ausdrücklich die Bereitstellung von 200.000 Euro im Landeshaushalt NRW für Schutzimpfungen und Aufklärung. Ebenso begrüßen wir den Antrag der Regierungsfraktionen, eine landesweite Impfkampagne zu entwickeln. Folgende Punkte sollten dabei besondere Berücksichtigung finden:

  • Die HPV-Impfung, die jetzt für Mädchen und Jungen empfohlen wird, muss besonders beworben und durch aufsuchende Impfaktionen verbessert werden. Bei der aktuellen Impfquote von unter 40 Prozent werden viele junge Menschen den Schutz vor Gebärmutterhalskrebs, Anal- und Mundbodenkarzinomen, sowie vor Feigwarzen verfehlen.
  • Menschen ab 60 Jahren müssen ausdrücklich in den Impfschutz einbezogen werden, besonders bei der Grippe- und der Pneumokokkenimpfung. Mit steigendem Alter nimmt das Infektionsrisiko zu. Alte Menschen dürfen nicht bei der Gesundheitsversorgung benachteiligt werden.
  • Der Erfolg einer landesweiten Kampagne hängt nicht nur von der Einsicht der Bevölkerung ab, sondern in hohem Maße von den Ärzten, die Impfungen niedrigschwellig anbieten müssen. Deshalb sollen auch Ärztinnen und Ärzte in die Kampagne einbezogen werden, mit dem Ziel, dass bei jeder Routineuntersuchung, wie z.B. Gesundheitsuntersuchung, Krebsvorsorgeuntersuchung, Arbeitsschutzuntersuchung der Impfschutz überprüft und Impflücken geschlossen werden. Für Kinderärzte muss sichergestellt werden, dass sie auch Eltern und Betreuungspersonen impfen können.